Gestern mussten wir wieder einmal bemerken, dass sämtliche Erfahrungen, von denen wir annahmen sie bereits in der Superlative erlebt zu haben, scheinbar doch immer noch getopt werden können. Stichwort: Transport in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Da wir am 3. Februar unsere Arbeit im Krüger Nationalpark, Südafrika aufnehmen werden und bis dahin noch über 3000 km zurücklegen müssen, drängt nun ein wenig die Zeit. Also hieß es nach 3 Tagen Dar Es Salam wieder Rucksäcke packen, Bustickets besorgen und auf in Richtung Süden. Ziel war vorerst Mtwara, eine kleine Stadt im Südosten Tansanias an der Grenze zu Mosambik. Hier hat Werner mit der Kinderhilfe Tansania (www.kinderhilfetansania.de) viele interessante Projekte auf die Beine gestellt die wir besuchen bzw. besichtigen möchten
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Dazu mussten wir Mtwara aber erst einmal erreichen was sich als nicht ganz so einfach erwies.
Der Bus sollte um 6.00 Uhr morgens abfahren. Da wir die Nacht zuvor in der wahrscheinlich lautesten und stickigsten Unterkunft Dar Es Salams verbrachten, waren wir bereits eine Stunde wach als der Wecker um 4.30 Uhr klingelte. Nach einem schnellen Frühstück erreichten wir gegen 5.00 Uhr die Daladalastation von wo wir mit einem Daladala zum eigentlichen Busbahnhof fahren wollten.
Das erste Problem an diesem Morgen (abgesehen von viel zu wenig Schlaf in der Nacht) war, dass verhexter Weise endlos viele Daladalas kamen, von denen aber kein einziges zum 30 Minuten entfernten Busbahnhof fahren wollte. Selten fahren die Reisebusse zwar pünktlich ab, sicher sein kann man sich dessen allerdings auch nicht. Als die Uhr dann halb sechs anzeigte wurde uns das weitere Warten zu riskant. Lars machte sich auf um ein Taxi zu organisieren und ließ Conny samt Gepäck warten. Nach kurzer Zeit stand ein klappriges, dreirädriges “Tuck-Tuck” vor Conny an der Straße aus dem ein hektischer Lars sprang. Da sich Lars zur Zeit auf dem Höhepunkt seiner “Ich feilsche um jeden Preis-Karriere” befindet war die Erklärung nur: Der Taxifahrer war zu teuer. Da jetzt auch keine Zeit zum weiteren Überlegen blieb wuchteten wir unser Gepäck auf die schmale Bank und suchten irgendwo dazwischen Platz um nicht aus der offenen Taxialternative heraus zu fallen.
Der Fahrer knatterte und polterte darauf los ohne Rücksicht auf die vielen Huckel, die zur Verkehrsberuhigung auf den Straßen angebracht sind. So hatte sich Conny schon nach den ersten Metern Kopf und Hüfte angeschlagen. Durch zahlreiche Daladalafahrten gewohnt, war dies jedoch nicht weiter schlimm.
Viel besorgniserregender war, dass sich der Fahrer bereits an der ersten Kreuzung umdrehte und uns nach dem Weg fragte. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es eine verbreitete Angewohnheit von Taxifahrern ist, einer Fahrt nickend und mit den Worten “Hakuna Matata” (kein Problem) zuzustimmen, obwohl sie eigentlich keinen blassen Schimmer haben wo sich genau das Fahrtziel befindet. So auch in unserem Fall.
Mit der tickenden Zeit im Hinterkopf irrten wir also polternd und im Dunkeln durch die Straßen einer afrikanischen Großstadt. Dank Lars’ GPS Gerät stand die Route binnen kurzer Zeit fest und nun mussten wir den Fahrer mit den Befehlen links und rechts, die er allerdings sprachlich überhaupt nicht verstand, navigieren. Selbst wildes Gestikulieren, winken und das Deuten der Richtung mit der jeweiligen Hand überforderte unseren Fahrer und brachte uns schier zum ausflippen. Wir stellten uns ernsthaft die Frage ob er das Gefährt nicht gerade irgendwo geklaut hatte.
Etwas zu spät, gegen 6.15 Uhr erreichten wir den chaotischen Busbahnhof. Glücklich darüber noch einige Busse zu sehen, die beladen wurden, sprangen wir sofort aus dem klapprigen Tucktuck, hievten unsere Rucksäcke auf die Schultern und marschierten im Sturmschritt auf diese zu.
Hier fanden wir uns in einer mittlerweile wohlbekannten Situation wieder: Koffer, Menschen, Pakete und Tiere wurden ein und ausgeladen. Um den Bus stehen etliche Verkäufer und mindestens genauso viele Männer die nichts anderes zu tun haben, als zu jeder Kleinigkeit ihren Senf dazu zu geben. Auf die Frage nach der Abfahrtstelle unseres Busses entgegnete der Erstbeste, dass unser Bus erst morgen fährt, er aber bereit ist unsere Tickets anzunehmen und uns das Office zeigen würde, in dem wir neue Tickets kaufen können. Für einen ganz kurzen Moment waren wir von dieser Aussage etwas geschockt. Als wir dann aber die uns entgegenkommende Alkoholfahne des Mannes registrierten, versuchten wir unser Glück beim “Conductor” (eine Art “Reisebegleiter”, kontrolliert aber eigentlich nur Fahrkarten) eines Busses. Der Bus vor dem wir uns jetzt befanden sollte seiner Aussage nach nicht nach Mtwara fahren. Auch der Busfahrer selbst beabsichtigte nicht nach Mtwara zu fahren. Einer der vielen Wichtigtuer drum herum, der unsere Frage mitgehört hatte, wollte uns gerade zum angeblich richtigen Bus führen, als dann dieser Bus laut “conductor” auf einmal doch nach Mtwara fahren sollte. Wir standen da wie der Ochs vorm Berg.
Da der Bus bereits voll mit Fahrgästen war schien es uns als sicherer diese nochmals zu fragen in der Hoffnung, dass wenigstens die wissen wo sie hinfahren.
Nachdem uns ein vertrauenswürdig erscheinender Fahrgast versicherte, dass wir hier richtig sind luden wir unsere Rucksäcke in den Gepäckraum ein. Zu unserer Verwunderung fing der conductor plötzlich an, wilde, unleserliche Wörter auf einen Zettel zu schreiben. Am deutlichsten hierauf zu lesen waren die 6000 Schilling, die er uns als angebliche Transportkosten für unser Gepäck in Rechnung stellen wollte. Da platzte uns ja dann fast der Kragen. Man muss sich das mal vorstellen. Um den Bus stehen ca. 30 Menschen, alle damit beschäftigt ihr Gepäck in den Bus zu quetschen. Manche machen den Eindruck als würden sie auswandern und karren Schubkarren voller Pakete an, die verstaut werden. Nichts wird ihnen in Rechnung gestellt.
Dass man als Weißer für den Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder für eine Mango auf dem Markt etwas mehr zahlen muss als die Einheimischen, ist nicht immer aber doch hin und wieder der Fall. Wenn wir für eine Mango statt der Einheimischen 0,15 Cent dann 0,25 Cent zahlen, ist das für uns ja auch immer noch ein guter Preis und in Ordnung. Was die Transportkosten für unsere Rucksäcke angeht war es einfach nicht in Ordnung, weil es selbstverständlich ist, und bisher bei unseren Fahrten noch nie ein Thema war, dass unser Gepäck kostenlos mitgenommen wurde. Als wir uns weigerten zu zahlen und drohten, unsere Rucksäcke wieder aus dem Gepäckfach heraus- und mit in den Bus zu nehmen, sah er wohl die Gefahr, dass diese wichtige Stehplätze für weitere Fahrgäste im Gang blockieren könnten und gab nach. Die Rucksäcke blieben im Gepäckfach und wir konnten uns endlich in den Bus setzen.
Nach einer weiteren knappen Stunde Gepäckklappe auf, Gepäckklappe zu, Leute rein, Leute raus kam der Bus endlich ins Rollen und wir stellten uns auf eine zwölfstündige Fahrt ein.
Ein weiteres Problem sollte aber nicht lange auf sich warten lassen. Bereits 10 Minuten nach Abfahrt wurde an einem weiteren Busbahnhof angehalten und das Prozedere begann von Neuem. Noch mehr Leute teilten sich nun den schmalen Gang, noch mehr Gepäck wurde in die letzten Löcher gestopft. Für einige Minuten machten wir hier die Augen zu und nahmen den Lärm um uns herum so wenig wie möglich wahr.
Nachdem es dann allerdings nach fast 2 Stunden immer noch nicht weiter ging, drei junge Männer den Bus immer wieder verließen und neu einstiegen und schließlich zwei weitere Männer mit Handschellen den Bus betraten wurden die Fragezeichen in unseren Köpfen zu groß um sie zu ignorieren. Wir hörten uns im Bus um und fanden auch tatsächlich einen älteren Herren, der wenigstens ein bisschen englisch konnte und uns aufklärte. Bei den drei jungen Männern handelte es sich um Leute aus Somalia, die dem Krieg, der dort zur Zeit herrscht entflohen sind. Ob diese Tatsache allein ausreichte, um diesen Männern böse Absichten zu unterstellen, oder ob weiteres vorgefallen ist, wissen wir leider nicht. Irgendetwas gab jedoch Anlass zur Vermutung, dass diese Männer einen Bombenanschlag verüben könnten. Deshalb wurden sie samt ihrer Taschen abgeführt. Nachdem wir laut Aussage des älteren Tansaniers endlich wieder “frei” waren konnte die Fahrt fortgesetzt werden.
Mit einigen Stunden Verspätung setzte sich der Bus nun auch für längere Zeit in Bewegung und wir rechneten mit einer endlich ununterbrochenen Fahrt.
Doch warum sollte an einem solchen Tag nicht noch ein weiteres Problem auftauchen?
Von uns bisher überhaupt nicht bedacht waren die Wetterverhältnisse. Etwas zu früh startete in diesem Jahr die Regenzeit. Da ein langes Stück der Strecke zwischen Dar Es Salam und Mtwara bisher eine unbefestigte Straße ist, die während der Trockenzeit als Sand- und Staubpiste vorzufinden ist, war das Durchkommen ein Ding der Unmöglichkeit. Der Regen hatte Großteile der Straße unterspült und unpassierbar gemacht. Von weitem sahen wir schon dem Ende eines langen Staus entgegen. Nichts ging mehr. Wir stiegen aus dem Bus aus und liefen ein ganzes Stück nach vorne in der Hoffnung den Anfang des Staus zu erblicken.
Keine Chance. Busse, Autos, LKWs soweit das Auge reichte.
Um die Situation noch komplizierter zu machen, standen diese an den engsten Stellen seltsamerweise in beide Richtungen. Nach dem Motto “Ich zuerst” hatten es die Fahrer tatsächlich geschafft jede noch so kleine Bewegung im Verkehrsfluss zum Erliegen zu bringen. Busfahrer die ein ganzes Stück vor unserem warteten, erzählten uns, dass sie bereits seit Stunden warten ohne dass sich irgendetwas tut. Zu allem Überfluss schien auch das Wetter nicht das freundlichste zu sein und es war eine Frage der Zeit wann der nächste Schauer niederprasselt.
Ernüchternd stellten wir uns darauf ein, mindestens eine Nacht im Bus hier mitten in der Pampa zu verbringen. (Diese Vermutung sollte sich übrigens einen Tag später bestätigen. Wir erfuhren, dass die Busse stecken geblieben sind) Auf diesen Schock gönnten wir uns eine warme Cola und trotteten zurück zum Bus. Unterwegs sahen wir einen Geländewagen der Entwicklungshilfeorganisation “USAid” der darauf wartete das eine Engstelle frei wurde. Lars sah hier einen kleinen Funken Hoffnung und erkundigte sich beim Fahrer nach dessen Fahrtziel. Mtwara – Die Freude war riesengroß. Die beiden hilfsbereiten Männer nahmen uns gerne mit. Wir spurteten also zurück zum Bus, ließen die Gepäckklappe öffnen, schnappten unsere Rucksäcke, verabschiedeten uns mit einem “Safari njema” (Gute Reise) von den übrigen Fahrgästen und wechselten das Fortbewegungsmittel.
Die Engstelle wurde bereits nach kurzem Warten frei und unser Landcruiser setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Zu unserem Entsetzen allerdings direkt in die tiefste Matschpfütze der Umgebung – Festgefahren. Lars war kurz davor samt Rucksack wieder auszusteigen, wenn nur der Matsch die Tür nicht blockiert hätte. Zu unserem Erstaunen wiederum lernten wir den Landcruiser erst richtig kennen. Nach kurzem Rangieren schaffte er es aus dem Loch heraus, was uns bis jetzt noch ein Rätsel ist.
Es konnte also weitergehen. Wir schafften es vorbei an einer scheinbar endloslangen Schlange von festgefahrenen Trucks, Autos und Bussen. Mit jedem Meter den wir an der Blechschlange vorbeifuhren wurden die Zweifel größer es hier innerhalb der nächsten Tage mit einem Bus wieder herauszuschaffen.
Nach ca. einer Stunde schwimmen erreichten wir wieder befestigte Straße und konnten den Weg nach Mtwara ohne größere Hindernisse fortsetzen.
Um acht Uhr ereichten wir unser Ziel, holten den Schlüssel für unsere Bleibe ab und ließen diesen Tag bei dem wohl geringsten Übel “Spaghetti mit Butter” ausklingen.